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23. 4. 2018

Bericht zu der Exkursion nach Wiesensteig 16. 04. 2018

Teilnehmer: Rest. R. Karbacher, Dipl. Rest. (FH) A. Müller, Dipl. Rest. (Univ) J. Schekulin, alle BLfD Munich, J. Strobl, MA, Universität Wien

Im Zusammenhang mit der Arbeit für das internationale Projekt „Tracing the Art of the Straub Family“ entstand die Idee, die Heimatstadt der Familie von Johann Georg Straub und seiner fünf Söhne zu besuchen. Julia Strobl schreibt ihre Dissertation zu dem Thema: „Die Bildhauerfamilie Straub – Ein europäisches Künstlernetzwerk des 18. Jahrhunderts“. Die KollegInnen des BLfD, die an dem Projekt mitarbeiten, boten Frau Strobl an, sie in technologischen Fragen zu beraten. Im Übrigen war keiner der Beteiligten vorher in Wiesensteig.

Frau Strobl hatte die Reise vorbereitet und organisiert, dass die Kirchen zugänglich waren. Von Herrn Müller wurden die Kollegen des Denkmalamts in Esslingen, Baden-Württemberg über die Reise informiert.

Die erste Station war die Kirche St. Margaretha in Hohenstadt. Die dortige Kanzel soll nach Angaben aus dem Dehio aus der Wallfahrtskirche Maria Dotzburg bei Mühlhausen stammen, die 1811 abgerissen wurde. Archivalisch für Johann Georg Straub (Vater) und seinen Bruder Johannes Straub belegt, sind Arbeiten am nicht mehr erhaltenen Choraltar (1702) sowie an der Kanzel (1714/15) in Maria Dotzburg.

Bei der Kanzel handelt es sich um eine hochwertige Kistlerarbeit, das geschnitzte Relief, das auf der Schauseite angebracht ist, stellt den lateinischen Kirchenlehrer Gregor den Großen dar. Die Form der Kartusche und des Brustbilds des Heiligen folgt der Ausbauchung des Kanzelkorbs. Links von der Kartusche ist ein geflügelter Putto angebracht, der die päpstliche Tiara emporhält. Als ein weiteres Attribut des heiligen Papstes ragt rechts der dreibalkige Kreuzstab über die Kartusche hinaus

Die hohe Qualität der Schnitzarbeit überraschte alle Beteiligten. Die Datierung in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts ebenso. Übereinstimmung bestand in der Einschätzung, dass die Ausführung eher in Richtung eines akademisch gebildeten Bildhauers deutet, als eines Schreiners, der nebenher schnitzt.

Die nächste Station war die Wallfahrtskirche Ave Maria in Deggingen, wo Johann Georg Straub (Vater) 1728 als Vergolder für die Gloriole des Hochaltares belegt ist. Der Degginger Stuckateur Johann Ulrich Schweizer dessen Nachfahren noch heute in diesem Gewerbe in der Gegend arbeiten lieferte die Stuckdekoration des Kirchenraums und führte den Hochaltar aus. Während einer Restaurierung im Jahr 1976 wurde an der Wand hinter dem Hochaltar folgende Inschrift entdeckt: „Philiph Jacob: Straub in. Wisenstaug 1723“ (Ziegler 1984). Philipp Jakob hat vermutlich als Mitarbeiter der Werkstatt seines Vaters in Ave Maria gearbeitet bevor er seine Heimatstadt Wiesensteig in Richtung München, Wien und schließlich Graz verlassen hatte.

Das Hauptaugenmerk der Reise lag auf der Pfarrkirche St. Cyriakus in Wiesensteig. Johann Baptist Straub hatte 1775 die Seitenaltäre des Langhauses entworfen. Ausgeführt wurden die Bildhauerarbeiten bis 1780 von seinem Mitarbeiter Joseph Streiter. Nur das Kruzifix des ehemaligen Kreuzaltares (1775) und die Skulpturengruppe des hl. Nepomuk (1739) vor der Predella des Josephsaltares sind eigenhändige Werke Johann Baptist Straubs. Peter Volk’s Monographie aus dem Jahr 1984 bezieht sich auf eine Inschrift mit Graphitstift an der Unterseite des Sockels: “Johannes straub Hat dises/bild gemacht anno 1739./den 4 Januarij“

Vorder- und Rückseite der Skulptur sind bildhauerisch detailliert ausgearbeitet. Die Vorderseite ist vergoldet, die Rückseite gelb gefasst. Umlaufende Profile sind auf der Rückseite abgeschlagen und überfasst. Auffällig und im Zusammenhang mit der Aufstellung als Skulptur im Kirchenraum nicht nachvollziehbar erscheinen die kreisrunden Ausarbeitungen in den Mündern der beiden Delphine, die rechts und links an den Ecken des Sockels angebracht sind. Die geschilderten Beobachtungen der ExpertInnen vom BLfD, Judith Schekulin, Rupert Karbacher und Andreas Müller, lassen vermuten, dass es sich bei der Skulptur um einen Bozzetto für ein Nepomuk-Denkmal bzw. für einen Brunnen handelt, der in Zweitverwendung an den heutigen Standort angepasst wurde. Eine Lücke auf der linken Seite der Skulptur unterhalb der Darstellung des hl. Nepomuk deutet darauf hin, dass hier möglicher Weise ein Engel angebracht war. Frau Strobl konnte die Abbildung zu einem formal und thematisch vergleichbaren Stück aus der Barocksammlung des Wiener Belvedere beitragen, bei dem zwei Engel den Heiligen emporheben (Inv.-Nr. 8285).

Für den gegenüber liegendenden Altar hatte J. Streiter 1775 eine Skulpturengruppe geschaffen in deren Mittelpunkt der hl. Aloisius von Gonzaga steht. In ihrer Komposition lehnt sich die Gruppe formal an die von Johann Baptist geschaffene an. Zwei Engel links und rechts von einer Wolke stützen die Skulptur des hl. Aloisius, der in einer devotionalen Geste auf der Wolke kniet. Aktuell steht an deren ursprünglichem Standort die Skulptur des Kirchenpatrons Cyriakus. Der Grund für die Entfernung der Skulpturengruppe von J. Streiter ist nicht bekannt.

Von sehr guter bildhauerischer Qualität ist die Skulptur eines Christus in der Rast, vor der Predella des ersten Seitenaltars auf der linken Seite des Langhauses, die merkwürdiger Weise in dem Buch von Volk nicht erwähnt wird.

Frau Straub ermöglichte anschließend die Besichtigung der Ausstattung der Friedhofskapelle St. Leonhard. Johann Georg und sein Bruder Johannes Straub sind dort 1737/38 als ausführende Handwerker belegt: der Tischler Johannes Straub für den Choraltar und Johann Georg für das Kruzifix und die figurale Ausstattung. Die Qualität der dort vorzufindenden Skulpturen ist jedoch deutlich geringer als die der in Hohenstadt besichtigten Schnitzarbeiten an der Kanzel, deren traditionelle Zuschreibung an die ältere Straub-Generation von den Teilnehmern der Exkursion übereinstimmend hinterfragt wird.

Literatur:

Julia Strobl, 2018